Kernthema

Strukturelle Schwächen der Versorgung beheben

Was uns wichtig ist

Anselm Lotz, arbeitgeberseitiger Verwaltungsratsvorsitzender der IKK Brandenburg und Berlin, zu den erforderlichen Schritten, um die strukturellen Schwächen der Vorsorgung zu beheben.

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Die Bundesregierung hat in den vergangenen Legislaturperioden viele Gesetze auf den Weg gebracht, die zum Ziel hatten, die Versorgung zu stärken und Innovationen voranzubringen. Wichtige Themen sind jedoch, teils bedingt durch die Pandemie, auf der Strecke geblieben. Noch immer fehlt es an dringend erforderlichen Strukturanpassungen, die z. B. eine sektorenübergreifende Versorgung unterstützen oder die stationäre Versorgung in der Fläche zukunftssicher machen. Die Innungskrankenkassen sehen hier die Notwendigkeit, zu mutigeren Schritten für ein aufeinander abgestimmtes Versorgungskonzept zu kommen. Der Ausbau der Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsberufen kann hierfür ein erster Baustein sein. Nicht zuletzt muss aber auch der Patientenperspektive Vorrang gewährt werden und auch die ethischen Aspekte der Gesundheitsversorgung bedürfen einer genaueren Betrachtung.

Abbau von Unter-, Über- und Fehlversorgung
  • Eine bundesländerübergreifende Krankenhausplanung ist zu ermöglichen: Entwicklung einer gesetzlichen Grundlage für länderübergreifende Gestaltungsansätze, um die Zuständigkeiten der Bundesländer für die Krankenhausplanung zu erweitern.
  • Die Spezialisierung und Standortkonzentration von Kliniken gilt es voranzutreiben.
  • Die gesetzlichen Verpflichtungen der Länder, sich an den Investitionskosten für Krankenhäuser zu beteiligen, gilt es umzusetzen; aufgrund der Erfahrungen in der Corona-Pandemie muss zudem die finanzielle Beteiligung der Länder erweitert werden.
  • Es bedarf einer angemessenen Personalausstattung in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zur Sicherstellung der qualifizierten Patientenbetreuung vorrangig mit eigenem Personal.
  • Schaffung von „Gesundheitszentren im ländlichen Raum“, um die Versorgung mit Basis- und Notfallleistungen sowohl ambulant wie stationär in dünnbesiedelten Gebieten zu sichern.
  • Die Attraktivität der Niederlassung für Vertragsärzte auf dem Land sowie der weitere Ausbau von Telemedizin und Fernbehandlung ist zu stärken.
  • Die Bedarfsplanung im psychotherapeutischen Bereich ist weiterzuentwickeln, um eine angemessene psychotherapeutische Versorgung zu ermöglichen.
  • Einführung von kostenträgerübergreifender Tele- und Videoberatung gemeinsam mit den Leistungserbringern im Rahmen der ganzheitlichen Versorgungsbedarfsermittlung nach dem SGB IX – insbesondere im Zusammenhang mit Leistungen in der Pflege, Hilfsmittelversorgung und komplexen Versorgungssituationen als „virtuelle Versorgungskonferenz“.
  • Evidenz als Kriterium einer zukunftsorientierten Behandlung ist zu etablieren (Bestandsschutz), d. h. konsequente Evidenzorientierung bei Diagnose und Therapie sowie Identifikation und Vermeidung überflüssiger und unwirksamer Behandlungen. Unterstützung und Förderung der Kampagne „Gemeinsam kluge Entscheidungen treffen“ („Choosing Wisely“) zur Verringerung von Über- und Fehlversorgung.
Sektorengrenzen überwinden
  • Es sind neue Ansätze zur sektorenübergreifenden Versorgung zu finden, z. B. sollte die Planung für Krankenhäuser nicht isoliert nach Betten, sondern nach Leistungen über Sektorengrenzen hinweg vollzogen werden.
  • Die Bedarfsplanung ist sektorenübergreifend auszugestalten.
  • Stärkung einer hausarztzentrierten Versorgung als Element einer guten und effizienten Leistungserbringung.
  • Bekenntnis zum eigenständigen Versorgungsbereich der Psychotherapie: Die Erweiterung der Richtlinientherapie um den systemischen Ansatz war folgerichtig. Eine evidenzbasierte Bewertung aller Richtlinienverfahren ist notwendig.
Umgang mit Fehlern verbessern – Schaden vom Patienten fernhalten
  • Eine Fehlerkultur zur Reduzierung von vermeidbaren unerwünschten Ereignissen ist zu etablieren.
  • Beweislasterleichterungen für Patienten bei Behandlungsfehlern.
  • Rechtsstreitigkeiten im Medizinrecht sind z. B. durch die Etablierung verbindlicher Standards und Qualitätskriterien für Behandlungsfehlergutachten (auch für Medizinische Dienste) zu beschleunigen.
  • Einführung eines Patientenhilfefonds, ohne Ärzte oder Leistungserbringer aus ihrer Haftung zu entlassen.
Ausbau von Kooperation, Delegation und Substitution
  • Noch immer bestehende Schranken zwischen medizinischen und nichtmedizinischen Leistungserbringern müssen überwunden werden. Hierzu ist auch eine telemedizinische Vernetzung notwendig.
  • Entlastung ärztlicher Strukturen: Die Aufgabenteilung zwischen Ärzten und nichtärztlichen Berufsgruppen entsprechend deren Kompetenz muss geändert werden.
  • Es ist mehr Verantwortung auf nichtmedizinische Fachberufe (Blankorezept, Modellvorhaben Direktzugang) und Gesundheitshandwerker (z. B. orthopädische Heilmittelerbringer) bei gleichzeitiger Budgetverantwortung zu übertragen.
  • Rechtliche Absicherung von Kooperationen; kein strafrechtlicher Generalverdacht der Korruption.
  • Eine zielführende Akademisierung bei gleichzeitiger Unterstützung nicht akademischer Gesundheitsfachberufe (auch ohne Abitur) gilt es anzustreben.
Innovationen fördern
  • Innovation braucht Verbindlichkeit: Daher in allen Innovationsbereichen klare und verbindliche Regelungen zur zeitnahen Überführung von Innovationen in die Regelversorgung, sobald ein entsprechender Wirksamkeitsnachweis vorliegt.
  • Es sind Gestaltungsräume für Kassen zur Erprobung der Verordnung digitaler Gesundheitsanwendungen durch Heilmittelerbringer zu schaffen.
Bürokratie abbauen, Komplexität minimieren
  • Eine Reform der Rechnungsprüfung im stationären Bereich gemäß den Anforderungen des Prüfberichtes des Bundesrechnungshofes ist notwendig.
  • Abrechnungsprüfungen (insbesondere die Prüfung durch die Medizinischen Dienste) erweisen sich aktuell als unübersichtlich und zeitaufwendig und setzen falsche Anreize durch prüfungsfreie Leistungen (Quote bzw. Prüfungsausschluss). Hier ist eine bürokratiearme und effektivere Variante zu schaffen, die eine korrekte Abrechnung gewährleistet.
  • Eine Änderung des bestehenden DRG-Vergütungssystems: Die Komplexität sollte abgebaut werden, ohne dass neue Abgrenzungsprobleme erzeugt werden.
Europäische Zusammenarbeit stärken – Nationale Kompetenzen erhalten
  • Eine Zusammenarbeit und Kooperation auf europäischer Ebene wird begrüßt: wie z. B. im Rahmen europäischer Referenznetzwerke zur Behandlung seltener Erkrankungen, grenzüberschreitender Versorgung oder auch bei der europäische Zulassung von Arzneimitteln bis hin zu einer einheitlichen Pandemiestrategie.
  • Nationale Kompetenzen in sozialen Sicherungssystemen müssen dennoch, wie z. B. im Bereich der Zulassung von Medizinprodukten (Health Technology Assessment-Verfahren – HTA-Verfahren) oder auch bei der Versorgungsgestaltung, gewahrt bleiben.
Debatte um ethische Fragen gesamtgesellschaftlich führen
  • Ethische Fragen – wie z. B. zur Palliativmedizin, Hospiz- und Sterbebegleitung – bedürfen der breiten Diskussion in der Bevölkerung und im Bundestag; rechtliche bzw. höchstrichterliche Entscheidungen sind von der Politik zeitnah umzusetzen.
  • Die Würde des Menschen ist in allen Gesundheitsbereichen – gerade auch im Hinblick auf die Erfahrungen in der Corona-Pandemie (z. B. Besuchsverbot in Alten- und Pflegeheimen) – zu gewährleisten.

26,5

Durch die beiden bisher einmaligen Modellprojekte zu Blanko-Verordnungen der IKK Brandenburg und Berlin und der BIG direkt gesund konnte das Schmerzempfinden bei Wirbelsäulen- und Extremitäten-Symptomatiken überdurchschnittlich gesenkt werden, von 52,7 auf 26,5, gemäß einer VAS-Skala (1-100).

IKK e.V.: Strukturelle Schwächen der Versorgung beheben!

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Krankenhauszukunftsgesetz (Kabinettsentwurf)

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