15.03.2013   IKK e.V. Pressemitteilung

Gesundheits-Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz: „Bei der Verordnung von Antibiotika gibt es noch viel zu tun“

8. Plattform Gesundheit des IKK e.V. zum Thema Krankenhauskeime

Berlin, 15. März 2013. Der Kampf gegen multiresistente Keime zeigt erste Erfolge. „Die Politik hat ein ganzes Bündel an Maßnahmen auf den Weg gebracht, die jetzt wirken müssen und die wir ständig evaluieren“, sagte Annette Widmann-Mauz, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, in ihrem Einführungsvortrag auf der 8. Plattform Gesundheit des IKK e.V. Allerdings gebe es bei der Verordnung von Antibiotika noch viel zu tun. Sie appellierte zudem an die Kliniken, beim Thema Krankenhaushygiene nicht zuerst auf die Kosten zu schauen. Vielmehr müssten stärkere Hygienemaßnahmen als Chance begriffen werden: „Das sind Investitionen, die sich mehr als einmal amortisieren“, so die CDU-Politikerin. Die Hamburger Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz, Cornelia Prüfer-Storcks (SPD), bezifferte die Kosten, die die Kliniken für die Therapie eines MRSA-Patienten ausgibt, auf rund 10.000 Euro. „Geld, das auch über Kassenbeiträge finanziert wird“, sagt die Senatorin.

Unter der Überschrift „Krankenhauskeime: Schicksal oder ignorierte Gefahr?“ diskutierten am Donnerstag Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Patientenberatung vor rund 120 Teilnehmern.

Prüfer-Storcks verwies darauf, dass für eine Verminderung der MRSA-Keime eine „gelebte Hygienekultur“ notwendig sei. Dazu gehören für die Politikerin auch ausreichende ausgebildete Hygienefachkräfte sowie eine verbesserte Aus- und Weiterbildung für medizinische Berufe. Sie plädiert dafür, dass nicht nur Krankenhäuser unter die Hygieneverordnung fallen, sondern auch Pflegeheime.

Hans-Jürgen Müller, Vorstandsvorsitzender des IKK e.V., verwies darauf, dass „jährlich mehr Menschen an Krankenhauskeimen als an der Immunschwäche Aids sterben“. Nach seiner Einschätzung passiere aber nicht genug: „Das Bewusstsein in den Köpfen der Verantwortlichen und der Öffentlichkeit über die Bedeutung dieser Zahlen ist nicht ausreichend“. Zu schnell werde nach bekannt gewordenen Fällen „zur Tagesordnung“ zurückgekehrt.

MRSA-Erreger sind allerdings nicht mehr das drängendste Problem. Zwischen 2008 und 2012 ist der MRSA-Anteil um 30 Prozent zurückgegangen, sagte Prof. Dr. Petra Gastmeier, Direktorin des Nationalen Referenzzentrums für Surveillance von nosokomialen Infektionen. Einen dramatischen Anstieg von 142 Prozent werde bei gramnegativen Enterobakterien registriert gegen die Antibiotika wirkungslos sind. „Wir haben bereits Patienten, wo nichts hilft“, so Gastmeier. Sie kritisiert, dass Pharmafirmen sich zunehmend aus der Forschung neuer Antibiotika zurückziehen. Die letzte Entwicklung eines neuen Medikaments sei vor 13 Jahren auf den Markt gekommen. „Ich fürchte, dass die Resistenz von Antibiotika schneller voranschreitet, als die Entwicklung neuer Medikamente“, betont sie.

 In den Niederlanden, wo die MRSA-Rate bei unter zwei Prozent liegt, geht man andere Wege, berichtet Prof. Dr. Jacques Scheres von der Maastricht University Medical Centre. Alle Risikopatienten werden im Nachbarland zu Beginn eines Krankenhausaufenthalts mit Screenings auf MRSA und andere besondere Erreger untersucht. Zudem würde auch die Verschreibung von Antibiotika seitens der niedergelassenen Ärzte unter anderem von Apothekern kontrolliert. „Nur die Hälfte der Patienten bei einem Hausarzt gehen mit einem Rezept nach Hause“, sagt Scheres.

Günter Hölling, Projektleiter MRE im Gesundheitsladen e.V., Bielefeld, verweist auf die große Verunsicherung seitens der Patienten. Er berichtet von einer Telefonumfrage, in der nach MRSA-Informationen in Krankenhäusern gefragt wurde. „Die Anrufer sind beim Pförtner gelandet ohne Informationen oder wurden damit abgespeist, dass dies kein Thema in dem Haus ist“, so Hölling. Seine Aufforderung: mehr Transparenz auch gegenüber dem Patienten.

Dies realisieren die Helios Kliniken, die Informationen über MRSA-Keimbelastungen im Internet veröffentlichen. Nach Aussage von Prof. Dr. Henning Rüden, beratender Krankenhaushygieniker der Helios Kliniken, gebe es keine umfassenden Informationen über die Lage in den Krankenhäusern. Die verpflichtende Teilnahme aller Kliniken zur Erfassung der Keimbelastung hätte nach seiner Aussage in das Infektionsschutzgesetz festgeschrieben werden müssen. Übereinstimmend plädierten Wissenschaftler und Patientenvertreter für ein Keim-Screening für Risikogruppen bei Aufnahme in das Krankenhaus.

Jürgen Hohnl, Geschäftsführer des IKK e.V., mahnte aufgrund der besonderen Problemlage ein gemeinsames, koordiniertes Vorgehen an. „Die Innungskrankenkassen plädieren dafür, dass sich an der Finanzierung Leistungserbringer, Leistungsträger, aber auch die öffentliche Hand angemessen beteiligen“. Schuldzuweisungen sind laut Hohnl der falsche Weg: „Wir müssen uns unserer Verantwortung endlich bewusst werden“.