Plattform Gesundheit

12. Plattform Gesundheit: „Entlassen und was dann?”

Aus der Klinik oder Reha entlassen – und dann allein gelassen? Die historisch bedingten Sektorengrenzen im deutschen Gesundheitswesen gelten seit Jahren als stärkster Bremser, wenn es darum geht, die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern. Seit 2007 mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz ist das Thema auf der politischen Agenda. Das Ziel, die Probleme zwischen Klinik, Rehabilitation, Ärzte und Pflege zu minimieren.
Mehr als 150 Teilnehmer konnte der IKK e.V. zu seiner 12. Plattform Gesundheit in der Berliner Kalkscheune begrüßen.

Im derzeit diskutierten GKV-Versorgungsstärkungsgesetz nimmt sich die Politik wiederum dem Entlassmanagament an und gibt den Krankenkassen erstmalig Verantwortung, den Patienten einen Rechtsanspruch auf Beratung. Sind damit die Weichen richtig gestellt? Wie lassen sich die identifizierten intersektoralen Problemfelder in Bezug auf eine adäquate Kommunikation, einen strukturierten Befund- und Datenaustausch und die Sicherstellung der kontinuierlichen und korrekten Medikation beheben? Was ist erforderlich, damit alle Akteure für ein reibungsloses Entlassmanagement besser zusammenarbeiten? Diese Fragen standen im Fokus der 12. Plattform des IKK e.V. Mehr als 150 Teilnehmer aus Politik, Wissenschaft und Gesundheitswirtschaft trafen sich zu einem Diskussionsaustausch am 18. März 2015 in der Berliner Kalkscheune. 

 

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Weg von Schuldzuweisungen, bessere Kommunikation und Organisation zwischen den Leistungserbringern und den Krankenkassen, Rechtssicherheit für die Übermittlung von Sozialdaten, Standardisierung mit Augenmaß und wissenschaftliche Evaluation: Das formulieren Politiker, Leistungserbringer und Wissenschaftler als Hauptpunkte für ein erfolgreiches Schnittstellenmanagement, von dem vor allem der Patient profitiert. Unter der Überschrift: „Entlassen und was dann? Von Versorgungsbrüchen zu Behandlungsketten“ diskutierten am Mittwoch Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Gesundheitswirtschaft vor mehr als 150 Teilnehmern.

„Die Sektorengrenzen öffnen sich zwar langsam und die Kliniken zeigen mehr Engagement, aber wir haben noch sehr viel zu tun“, sagt Sabine Dittmar, stellvertretende gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und von Beruf Hausärztin. Das bestätigt auch Joachim Becker, Leiter der Unterabteilung Krankenversicherung im Bundesgesundheitsministerium, der die Notwendigkeit zur Konkretisierung des  Schnittstellenmanagements so beschreibt: „Der Anspruch auf die Beförderung von Berlin nach Hamburg ist zwar formuliert, aber wer fährt und was es kostet, ist nicht bekannt.“ Jetzt wisse das Ministerium aber, „wo es nicht funktioniert und wo wir ansetzen müssen“, sagt Becker und verweist auf das derzeit sich in der Diskussion befindende Versorgungsstärkungsgesetz. SPD-Politikerin Dittmar stört sich hier vor allem an der Tatsache, dass  in allen Fällen von der Krankenkasse  eine schriftliche Patienteneinwilligung eingeholt werden muss, wenn Sozialdaten für das Entlassmanagement ausgetauscht werden.  „Das ist überreguliert und muss noch einmal diskutiert werden“, sagt Dittmar. Eine Widerspruchslösung müsse überlegt werden. Ablehnend steht die SPD-Politikerin auch finanziellen Anreizen für das Entlassungsmanagement in Kliniken gegenüber. „Das gehört für mich zur Behandlung dazu“, so Dittmar.

Für Hans-Jürgen Müller, Vorstandsvorsitzender des IKK e.V., gewinnt das Schnittstellenmanagement aufgrund der demografischen Entwicklung und des ökonomischen Drucks der Leistungserbringer, allen voran der Kliniken, zunehmend an Bedeutung. „Das in einzelne Sektoren zerteilte Versorgungssystem stößt an seine Grenzen“, sagt Müller. Und auch der Hausarzt könne hier seiner Rolle als Lotse nur bedingt gerecht werden. Der Vorstandsvorsitzende begrüßt, dass die Krankenkassen im neuen Versorgungsstärkungsgesetz mehr Verantwortung bekommen sollen. „Wir sind sehr daran interessiert, die nachfolgende Behandlung mitzuorganisieren. Diesen Rechtsanspruch werden wir nicht nur mittragen, sondern auch intensiv wahrnehmen“, so Müller. Umso wichtiger sei es, dass der Informationsaustausch rechtlich abgesichert werde.

Nach Aussage von Prof. Dr. Dr. Günter Ollenschläger vom Institut für Gesundheitsökonomie an der Universität Köln und erster Leiter des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin, ist das Thema Schnittstellenmanagement „eines der zentralen Probleme im deutschen Gesundheitswesen“. Er stellt die Hypothese auf, dass dies auch Auswirkungen auf die Patientenversorgung habe. Sein Beispiel: die höchste Amputationsrate bei Diabetikern in Deutschland im internationalen Vergleich. Es sei ein zentrales Problem, dass „eine vernünftige wissenschaftliche Evaluation nicht im Mittelpunkt des Interesses“ stehe.

Nach Aussage von Prof. Dr. Michael Sailer, Ärztlicher Direktor des Neurologischen Rehabilitationszentrums Magdeburg, ist das Entlassungsmanagement „eigentlich ganz gut geregelt“. Jedoch hakt es mit der Umsetzung in der Realität. Sailer, der gemeinsam mit der IKK gesund plus im Jahr 2013 ein Projekt für Versicherte mit Schlaganfall und Herzinfarkt gestartet hat, nennt als eine Ursache, dass Kasse und Rehaklinik zu spät über den Aufenthalt des Patienten im Krankenhaus informiert werden. „Wer identifiziert den Patienten – Kasse oder Krankenhaus -, wer holt die Einverständniserklärung, wenn der Patient nicht ansprechbar ist oder keine Angehörigen hat“, fragt Sailer. „Viele fallen deshalb für ein strukturiertes Entlassungsmanagement durch die Maschen “, sagt der Arzt. Sein Fazit nach zwei Jahre intensiver Zusammenarbeit mit der IKK gesund plus: „Die Beratung durch Leistungsträger kann gut funktionieren bei klaren Absprachen und Verantwortlichkeiten.“

Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Hausarztverbandes, sieht einen Grund für die Defizite in den unterschiedlichen Finanzierungssystemen von ambulanter und stationärer Versorgung und in der fehlenden Kommunikation. „Wir haben ein Struktur- und Organisationsproblem“, so Weigeldt. Er verweist auf Dänemark, wo Hausärzte Einblick in die Krankenhausakten ihrer Patienten nehmen können, wie auch umgekehrt Kliniken in die Patientendaten der Hausärzte sehen dürfen.

„Es gelingt uns nicht, in multiprofessionellen Teams auf einer Augenhöhe und ohne Schuldzuweisungen zu kommunizieren“, sagt Ulrike Reus von der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Nach ihrer Einschätzung kommt es darauf an, dass der Gemeinsame Bundesausschuss „nicht alles für uns regelt und uns nicht alles überstülpt“, wenn es um Ausführungsregelungen zum Entlassungsmanagement geht.

„Uns fehlt eine positive Zielformulierung für das Entlassungsmanagement“, sagt Dr. Stefan Gronemeyer, leitender Arzt und stellvertretender Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen. Die Aspekte Teilhabe und Patientensicherheit müssten in den Fokus gestellt werden. Sein Augenmerk lenkt er auf die Qualitätssicherung und hofft auf das jetzt gegründete Institut für Qualitätssicherung und Transparenz. „Entlassungsmanagement muss genauso bewertet werden wie beispielsweise ein Risikomanagement“, so Gronemeyer. Gronemeyer schlägt vor, Informationen zum Entlassmanagement in den verpflichtenden Qualitätsberichten der Kliniken zu veröffentlichen.

„Wir brauchen eine offene Kommunikation, eine eindeutige Dokumentation, aber auch eine einheitliche und fortschrittliche Telematik-Infrastruktur für ein gut funktionierendes Entlassungsmanagement“, resümiert Jürgen Hohnl, Geschäftsführer des IKK e.V. Pragmatismus und Freiheit bedürfe auch Struktur. Sein Appell an alle Akteure: „Wichtig sei eine Diskussion ohne Fingerzeig und Schuldzuweisungen.“ Für den Patienten müsse gelten: Entlassen, ohne alleingelassen zu werden. 

 

Bildergalerie der 12. Plattform Gesundheit

Einen kleinen Eindruck von der 12. Plattform Gesundheit zum Thema „Entlassen und was dann? Von Versorgungsbrüchen zu Behandlungsketten“ erhalten Sie hier in unserer Bildergalerie. Die Fotos können Sie sich auch gern als Diashow ansehen.

 

Dokumentation

Wir haben für Sie via Twitter parallel von der Veranstaltung berichtet. Die Tweets finden Sie unter @ikk_ev.

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