10 Jahre IKK e.V. – 10 „Plattform-Gesundheit“-Themen

Krankenhauskeime: Schicksal oder ignorierte Gefahr?

8. Plattform Gesundheit – Krankenhauskeime: Schicksal oder ignorierte Gefahr?

Die 8. Plattform Gesundheit | 14. März 2013 in der Kalkscheune

Der Kampf gegen multiresistente Keime zeige erste Erfolge, die Politik habe ein ganzes Bündel an Maßnahmen auf den Weg gebracht. Mit dieser Einschätzung eröffnete Annette Widman-Mauz, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, am 14. März 2013 die 8. Plattform Gesundheit zum Thema Krankenhauskeime mit mehr als 120 Teilnehmern.

Nicht alle Diskutanten in der Kalkscheune bewerteten den Status quo aber als ausreichend. Die Hamburger Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz, Cornelia Prüfer-Storcks (SPD), verwies darauf, dass für eine Verminderung der MRSA-Keime eine „gelebte Hygienekultur“ notwendig sei. Dazu gehörten auch ausreichend ausgebildete Hygienefachkräfte sowie eine verbesserte Aus- und Weiterbildung für medizinische Berufe. Die Politikerin plädierte dafür, nicht nur Krankenhäuser, sondern auch Pflegeheime in die Hygieneverordnung einzubeziehen. Prof. Dr. Petra Gastmeier, Direktorin des Nationalen Referenzzentrums für Surveillance von nosokomialen Infektionen, hingegen betonte, MRSA-Erreger seien gar nicht mehr das drängendste Problem. Viel gravierender sei der dramatische Anstieg um 142 Prozent bei gramnegativen Enterobakterien, gegen die Antibiotika wirkungslos blieben. Prof. Dr. Gastmeier kritisierte, Pharmafirmen zögen sich zunehmend aus der Erforschung neuer Antibiotika zurück. Jürgen Hohnl, Geschäftsführer des IKK e.V., mahnte aufgrund der besonderen Problemlage ein gemeinsames, koordiniertes Vorgehen an. Die Innungskrankenkassen plädierten dafür, dass sich an der Finanzierung Leistungserbringer, Leistungsträger, aber auch die öffentliche Hand angemessen beteiligen.

Referenten und Podiumsgäste

Prof. Dr. med. Petra Gastmeier
Fachliche Leitung der Kampagne „AKTION Saubere Hände“ und Direktorin des Nationalen Referenzzentrums für Surveillance von nosokomialen Infektionen an der Charité Berlin

Günter Hölling
Projektleiter MRE im Gesundheitsladen e.V., Bielefeld, Mitglied der Landesgesundheitskonferenz NRW, Patientenberater

Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks
Präses der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz Hamburg

Prof. Dr. med. Henning Rüden
beratender Krankenhaushygieniker der Helios-Kliniken

Prof. Dr. Jacques Scheres
Maastricht University Medical Centre, Verwaltungsratsmitglied des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC, Stockholm)

Annette Widmann-Mauz
Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium

Dirk-Oliver Heckmann
(Moderator)

Leitfragen der Veranstaltung

  • Warum ist die MRSA-Gefahr noch längst nicht gebannt?
  • Was machen andere Länder besser? Was können wir von unseren Nachbarn lernen?
  • Wie kann die Entstehung und Weiterverbreitung von immer neuen resistenten Keimen vermieden werden?
  • Wie kann der Antibiotika-Einsatz im ambulanten und stationären Bereich rationaler gestaltet werden?
  • Welchen Einsatz kann die Pharmaindustrie zur Eindämmung von MRSA leisten?
  • Wie können Forschung und Entwicklung im Bereich der Antibiotika verbessert werden?

Standpunkt

Resistenzentwicklung von Krankheitserregern – eine Herausforderung für das Gesundheitswesen

von Cornelia Prüfer-Storcks

Nosokomiale Infektionen und die Resistenzentwicklung von Krankheitserregern sind auch im modernen Gesundheitswesen ein bedeutendes Thema. Es ist für alle Beteiligten eine große Herausforderung, Menschen, die mit multiresistenten Erregern (MRE) besiedelt oder infiziert sind, zu behandeln oder zu pflegen.

Kaum Verbesserung der Situation bei vielen MRE

Es ist erfreulich zu sehen, dass bei Methicillin resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) in Deutschland ein abnehmender Trend besteht und die Fallzahlen seit Einführung der Meldepflicht sinken. So betrugen die Methicillinresistenz bei Staphylococcus aureus-Isolaten von stationär versorgten Patientinnen und Patienten in Deutschland im Jahr 2008 22,8 %, 2012 18,9 % und 2016 15,1 %. Bei Isolaten aus Blutkulturen betrug die MRSA-Prävalenz 2015 12,1 % und 2016 10,6 %. Dennoch darf bei dieser positiven Entwicklung nicht vergessen werden, dass es bislang kaum eine Verbesserung der Situation bei weiteren MRE gibt. Denn jedes Jahr kommt es in Deutschland noch immer zu geschätzt 400.000 bis 600.000 nosokomialen Infektionen und laut Robert-Koch-Institut infizieren sich jährlich etwa 16.000 Menschen im Zusammenhang mit medizinischen Maßnahmen mit MRE.

Maßnahmenplan der Bundesregierung

Es ist eine der bedeutendsten Herausforderungen in der Hygiene, die Verbreitung von MRE einzudämmen. Hierbei sind u. a. ein effektives Hygienemanagement, gut etablierte Surveillance-Systeme und ein im Umgang mit MRE geschultes Personal wesentliche Aspekte. Schulungen allein reichen jedoch nicht, wenn das Pflegepersonal durch Personaleinsparungen mehr und mehr belastet wird. Das wollen wir mit der im Koalitionsvertrag verabredeten Einführung von verbindlichen Personalvorgaben für alle Stationen im Krankenhaus ändern. Zusätzlich wirkt der Maßnahmenplan der Bundesregierung mit insgesamt 365 Millionen Euro für mehr Hygienepersonal in den Krankenhäusern und die Verlängerung des Hygieneförderprogramms.

Gezielte Antibiotika-Strategie in Hamburg

Eine der Hauptursachen für die Zunahme der Resistenzentwicklung von Krankheitserregern ist auch die unsachgemäße Verordnung und Anwendung von Antibiotika. Die Bundesregierung hat unter diesem Aspekt die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie „DART 2020“ entwickelt, die Hamburg unterstützt und ergänzt. 2018 wird Hamburg eine gezielte Antibiotika-Strategie starten, um verstärkt auf die Thematik hinzuweisen. In diesem Kontext bringt das Land Hamburg zudem derzeit eine Gesetzesinitiative zur Anpassung der Arzneimittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses zur Qualitätsgesicherten Antibiotikatherapie durch Anwendung von Diagnostika und kulturbasierten Resistenztests auf den Weg.

Cornelia Prüfer-Storcks ist seit 2011 Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz in Hamburg. Von 2007 bis 2011 war sie Vorstandsmitglied der AOK Rheinland/Hamburg. Zuvor war sie sechs Jahre Staatssekretärin im Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie in Nordrhein-Westfalen.

Forderungen des IKK e.V.

Antibiotika

Die Reduzierung des Antibiotika-Verbrauchs und die Verhinderung von Resistenzen ist ein maßgebliches Ziel und verdient vollste Unterstützung. Wünschenswert wäre in diesem Zusammenhang die konsequente Umsetzung der Erklärung der G20-Agrarminister vom Januar 2017 u.a. mit der Forderung nach einer Roadmap zum Ausstieg aus der Nutzung von Antibiotika als Wachstumsförderer. 
Die im Zuge des Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetzes (AM-VSG) eingeführten Regelungen zur Anpassung der Nutzenbewertung im Hinblick auf Antibiotika und deren Resistenzsituation werden weiterhin als positiv bewertet und sollten stringent umgesetzt werden.
Im Zuge der Nutzenbewertung von Antibiotikapräparaten müssen bessere Anreize zur fortlaufenden Entwicklung neuer Antibiotika gesetzt werden.
Von besonderer Relevanz ist auch die Stärkung der Antibiotika-Diagnostik. Eine abklärende Diagnostik ermöglicht den zielgerichteten Einsatz von Antibiotika und hilft, dem vermeintlich „präventiven“ oder auch unnötigen Verabreichen entgegenzuwirken.

Hygiene

Das Hygienesonderprogramm hat bisher dazu geführt, dass entsprechend geschultes Personal von den Krankenhäusern aufgebaut wurde. Es besteht jedoch die Gefahr, dass mit Auslaufen der Programme das Personal ebenso schnell wieder abgebaut wird. Das hat die Erfahrung mit Pflegestellenförderprogrammen gezeigt. Einer Verlängerung des Programms kann zugestimmt werden, jedoch sollte sichergestellt werden, dass das Personal dauerhaft in den Einrichtungen verbleibt.

 
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