Versicherte blicken auf die derzeit gesundheitspolitisch diskutierten Fragen sehr differenziert und abwägend. Von der Politik erwarten sie nicht nur eine kurzfristige Beitragssatzstabilisierung, sondern wünschen sich, dass die Absicherung durch die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) verlässlich ist, Leistungen gesichert und die vorhandenen Mittel wirksamer für die Versorgung genutzt werden – dies sind die Kernaussagen, die sich aus der aktuellen forsa-Umfrage im Auftrag des IKK e.V. herauskristallisieren. Die repräsentative Umfrage unter 1.031 gesetzlich Versicherten ab 18 Jahre wurde am 19. August 2026 im Rahmen der Sommer-Pressekonferenz des IKK e.V. unter dem Titel „GKV-Finanzierung: Vom Sparpaket zur Strukturreform?” vorgestellt. Die fünf wesentlichen Ergebnisse sind:
1. Finanzierung: Solidarität statt Leistungskürzung
Die Befragten sehen die Finanzierungsfrage im Kontext von der Leistungsfrage und priorisieren klar. 61 Prozent betrachten Einschränkungen des Leistungsumfangs als eines der größten Probleme. Nur 5 Prozent würden zur Entlastung der Krankenkassen eine Leistungskürzung bei gleichbleibenden Beiträgen bevorzugen. Dagegen spricht sich eine Mehrheit für höhere Steuerzuschüsse aus dem Bundeshaushalt aus (55%).
Eine breitere und solidarische Finanzierungsbasis gegen steigende Beiträge wird von den Versicherten bevorzugt: 74 Prozent halten eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze für geeignet, 72 Prozent eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke. Höhere Zuzahlungen sowie die Beschränkung kostenfreier Hautkrebsscreenings auf Risikogruppen sehen dagegen jeweils nur ein Viertel der Befragten als geeigneten Weg (je 25%). Dies stützt die zentrale Forderung der Innungskrankenkassen nach einer konsequenten Entlastung der Beitragszahlenden von gesamtgesellschaftlichen Aufgaben. Insbesondere müssen die GKV-Aufwände für die Versorgung der Grundsicherungsempfänger vollständig und kostendeckend aus Steuermitteln finanziert werden.
Der derzeit im GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG) vorgesehene Einstieg in eine schrittweise Erhöhung der Bundesbeteiligung ist aus Sicht des IKK e.V. hierfür nicht ausreichend. Aber eine Steuerfinanzierung allein genügt nicht: Die GKV braucht zudem eine einnahmenorientierte Ausgabenpolitik, stärkere Nutzenorientierung bei Arzneimitteln und digitalen Anwendungen sowie den Abbau von Fehlanreizen und Doppelstrukturen. An den diesbezüglichen Maßnahmen im BStabG muss deshalb festgehalten werden.
2. Die größten Probleme im Gesundheitswesen: Wartezeiten vor Finanzen
80 Prozent der Versicherten sehen lange Wartezeiten auf Arzt- und Facharzttermine als eines der größten Probleme im deutschen Gesundheitssystem. Dahinter folgen die Sorge vor Einschränkungen des GKV-Leistungsumfangs (61%), steigende oder zu hohe Beiträge (58%) und Krankenhausschließungen (53%). Für die Versicherten steht damit klar im Vordergrund, das medizinische Hilfe erreichbar sein muss, wenn sie gebraucht wird. Die Ankündigung, Zusatzbeiträge kurzfristig zu stabilisieren, kann deshalb nur ein Zwischenschritt sein und ersetzt keine Strukturreformen, die den Zugang zur Versorgung tatsächlich verbessern.
Für die Innungskrankenkassen (IKKn) folgt daraus, dass Ausgabenbegrenzung und Versorgungsqualität nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Erforderlich ist eine konsequente Evidenzbasierung der Leistungen und eine einnahmeorientierte Ausgabenpolitik mit entsprechenden Steuerungsoptionen. Darüber hinaus gilt es Doppel- und Parallelstrukturen abzubauen sowie einer sektorenübergreifenden Organisation der Versorgung. Auch die Krankenhausreform muss auf das Ziel ausgerichtet bleiben, Qualität durch Konzentration komplexer Leistungen zu stärken.
3. Primärversorgung als Zugangsfrage, nicht als Hürde!
Die Debatte über ein Primärversorgungssystem wird häufig als Steuerungsfrage geführt. Die forsa-Ergebnisse zeigen dagegen, dass es für Versicherte vor allem eine Zugangsfrage ist: Nahezu alle Befragten erwarten bei einer primärversorgenden Praxis einen zeitnahen Termin (98%) und eine schnelle Vermittlung in die fachärztliche Versorgung (96%). Die Mehrheit will die Praxis frei wählen können (91%) und direkten Zugang zu bestimmten Fachärztinnen und Fachärzten behalten (88%). Primärversorgung kann Akzeptanz schaffen, wenn sie Versorgung organisiert und beschleunigt. Sie wird nicht akzeptiert werden, wenn sie als zusätzliche Zugangshürde wahrgenommen wird. Eine hausärztlich koordinierte Versorgung muss daher mit verbindlichen Termin- und Vermittlungsstandards, klaren Ausnahmen für bestimmte Facharztgruppen und digitaler Unterstützung den Zugang beschleunigen – nicht erschweren.
Die IKKn begrüßen ein Primärversorgungssystem. Besser koordinierte Behandlungswege helfen unnötige Mehrfachuntersuchungen und Parallelbehandlungen zu vermeiden.
4. Rolle der Krankenkasse: Vom Payer zum Player
Von ihrer Krankenkasse erwarten Versicherte zunehmend mehr als einen günstigen Beitragssatz. 65 Prozent ist besonders wichtig, bei schweren Erkrankungen Unterstützung bei der Suche nach der richtigen Ärztin, dem richtigen Arzt oder der passenden Einrichtung zu erhalten. Ein niedriger Beitragssatz beziehungsweise Zusatzbeitrag folgt mit 50 Prozent. 41 Prozent wünschen sich proaktive Hinweise auf Gesundheitsrisiken und anstehende Vorsorgetermine, die zu ihrer persönlichen Situation passen.
Die Handlungs- und Beratungsmöglichkeiten der Kassen zu stärken, etwa bei der Koordination geeigneter Versorgungsangebote und der Unterstützung in Phasen der Arbeitsunfähigkeit, ist deshalb eine wesentliche Forderung der Innungskrankenkassen. Voraussetzung bleibt aber Transparenz: Versicherte müssen über Beratungsmöglichkeiten informiert sein und ihnen jederzeit widersprechen können.
5. Und was bedeutet das für die Politik?
Nur noch 20 Prozent der gesetzlich Versicherten sind mit der Gesundheitspolitik der Bundesregierung zufrieden oder sehr zufrieden (77% unzufrieden); 2024 lag die Zustimmung noch bei 39 Prozent. Besonders stark ist die Kritik bei den 45- bis 59-Jährigen (85% unzufrieden).
Die Umfrage zeigt also deutlich: Das Vertrauen in die Gesundheitspolitik ist niedrig, die Erwartungen an die gesetzliche Krankenversicherung aber unverändert hoch. Die Politik steht in der Verantwortung. Beitragssatzstabilität ist notwendig, aber sie ist kein Ersatz für eine Strukturreform. Die Versicherten erwarten ein Gesundheitssystem, das schnell erreichbar ist, Leistungen sichert, digitale Möglichkeiten sinnvoll nutzt und solidarisch finanziert wird.
Der vollständige Ergebnisbericht steht zum Download unter forsa-umfrage 2026 bereit. Mehr Informationen zur Sommer-Pressekonferenz des IKK e.V. hier: GKV-Finanzierung: Vom Sparpaket zur Strukturreform? | IKK e.V.
